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Kommentar: Schulessen im Kreuzfeuer – ein Streit, der mehr über Unwissen als über Qualität verrät

Die Diskussion um das Schulessen in Rostock entzündet sich derzeit an einem scheinbaren Skandal: Tiefgekühlte Mahlzeiten, geliefert über 700 Kilometer hinweg, sollen die Kinder der Hansestadt in der Übergangszeit ernähren. Von „Irrfahrt“, „Einheitskost“ und „Missmanagement“ ist die Rede. Die Empörung ist groß – doch sie speist sich weniger aus Sachverstand als aus einem tiefen Missverständnis über moderne Gemeinschaftsverpflegung und die realen Anforderungen an ein professionelles Verpflegungssystem.

1. Cook & Freeze ist kein Notbehelf – es ist Standard

Beginnen wir bei der Technik: Cook & Freeze, das Verfahren, mit dem Sander Gourmet die Essen produziert, ist keineswegs eine minderwertige Lösung, sondern in der professionellen Großküchenwelt etabliert und bewährt. Die Speisen werden unter streng kontrollierten Bedingungen frisch gekocht, schnell heruntergekühlt und tiefgefroren – bei Temperaturen, die den Zellzerfall hemmen, Geschmack und Nährstoffe bewahren und mikrobiologisch maximale Sicherheit bieten.

Diese tiefgekühlten Speisen werden erst kurz vor der Ausgabe vor Ort regeneriert – schonend erhitzt, ohne dass Geschmack, Textur oder Vitamine nennenswert leiden. Das ist weder ungesund noch langweilig, sondern zuverlässig, planbar und hygienisch sicher. Kliniken, Seniorenheime, Betriebskantinen, Fluggesellschaften und viele Schulträger in Deutschland und Europa setzen seit Jahren auf diese Form der Zubereitung – und das mit gutem Grund.

2. Tiefkühlkost ist nicht gleich „Einheitskost“

Der oft mitschwingende Vorwurf, es handele sich um geschmacklose Massenware, hält einer sachlichen Prüfung nicht stand. Industrielle Herstellung bedeutet nicht zwangsläufig schlechte Qualität. Im Gegenteil: Zentrale Produktionsstätten ermöglichen eine gleichbleibend hohe Produktgüte, weil Prozesse standardisiert und kontrolliert ablaufen, die Zutaten qualitätsgesichert eingekauft und verarbeitet werden und Hygiene auf einem konstant hohen Niveau gehalten wird.

Hinzu kommt: Anbieter wie Sander Gourmet produzieren heute nicht mehr nur “Kantinenessen von der Stange”, sondern bieten differenzierte, abwechslungsreiche, ernährungsphysiologisch ausgewogene Menüs – oft mit Bio-Komponenten, vegetarischen Alternativen, Sonderkostformen und einem hohen Anspruch an Sensorik und Vielfalt.

Wer sich die Mühe macht, aktuelle Speisepläne dieser Anbieter zu lesen, wird dort kaum “Fertiglasagne” im Negativsinn finden, sondern z. B. Hirsebratlinge mit Kräuterquark, vegetarisches Thai-Curry oder Kartoffel-Gemüse-Gratin mit saisonalen Zutaten.

3. 740 Kilometer Transport – ein Symbol ohne Substanz

Ein weiterer Aufreger ist der Transportweg von Wiebelsheim (Rheinland-Pfalz) nach Rostock. Doch auch hier gilt: Emotion schlägt Fakten.

Tiefkühltransporte sind kein Umweltskandal. Sie erfolgen energieeffizient per Kühl-Lkw, oft im Rahmen bestehender Touren. Die Umweltbilanz eines tiefgekühlten Essens aus einem zentralen Werk ist häufig nicht schlechter als die tägliche Anlieferung regionaler Zutaten an viele kleine Küchen. Vor allem aber: In der Ausschreibung ging es um Qualität, Verfügbarkeit, Preis und Zertifizierungen – nicht um romantisierte Regionalität.

Natürlich ist Regionalität wünschenswert. Doch sie ist kein Automatismus für bessere Qualität, und sie ist – wie im Fall Rostock – oft einfach nicht verfügbar. Die Stadt musste EU-weit ausschreiben. Regionale Anbieter haben sich nicht durchgesetzt oder konnten das Volumen nicht stemmen. Es ist also kein „Verrat an der Region“, sondern eine notwendige Folge der Rahmenbedingungen, die rechtlich wie logistisch gesetzt sind.

4. Wer mitreden will, sollte den Markt kennen

Die Vorstellung, man könne mehrere tausend frische Mahlzeiten täglich „regional und handgekocht“ zubereiten und ausgeben, ist unrealistisch – zumindest ohne massiv höhere Kosten, mehr Personal, größere Infrastruktur und logistische Redundanzen. Genau das aber sollte durch den Aufbau einer eigenen kommunalen Großküche künftig möglich werden. Dass diese sich verzögert, ist bedauerlich, aber kein Grund, die gesamte Zwischenlösung zu diskreditieren.

Wer das dennoch tut – wie derzeit einige politische Stimmen in Rostock –, suggeriert, man hätte nur anders handeln müssen, und alles wäre besser gewesen. Dabei wird ignoriert, wie anspruchsvoll und komplex moderne Schulverpflegung ist: Sie muss hygienisch sicher, logistiksicher, allergenkennzeichnungspflichtig, energie- und nährwertgerecht, altersangepasst, pädagogisch anschlussfähig und bezahlbar sein. All das leistet ein professioneller Anbieter wie Sander.

5. Der wahre Skandal: Wissen wird durch Bauchgefühl ersetzt

Der mediale Aufreger rund um das Schulessen in Rostock ist vor allem eines: ein Lehrstück darüber, wie schnell faktenbasierte Verfahren in den Verdacht geraten, „schlecht“ zu sein, nur weil sie nicht dem romantischen Ideal von „frisch gekocht vor Ort mit Liebe“ entsprechen.

Doch Professionalität ist kein Widerspruch zu Fürsorge. Im Gegenteil: Sie ist die Grundlage dafür, dass jeden Tag Tausende Kinder ein sicheres, nährstoffreiches und warmes Essen erhalten – auch ohne hauseigene Küche, auch über Hunderte Kilometer hinweg.

Wer also ernsthaft über gutes Schulessen sprechen will, muss den Mut haben, sich mit den tatsächlichen Prozessen auseinanderzusetzen – und sollte aufhören, über Produktionsverfahren zu urteilen, die er weder gesehen noch verstanden hat.


Von Tim Oberstebrink (FCSI)

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