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Regionalität, Klimaziele und die neue EAT-Lancet-Studie 2025: Was heißt das für die Gemeinschaftsverpflegung?

In vielen Großküchen beginnen Veränderungen nicht mit großen politischen Debatten, sondern mit kleinen Entscheidungen im Alltag: beim Schreiben der Wochenkarte, beim Wareneingang, beim Sortieren überschüssiger Portionen. Küchenleitungen bewegen sich ständig zwischen wirtschaftlichen Vorgaben, Gästewünschen und Nachhaltigkeitszielen – während sie gleichzeitig unter Zeitdruck sicherstellen müssen, dass der Betrieb reibungslos läuft. Die neue EAT-Lancet-Studie 2025 trifft genau dort hinein: Sie ordnet ein, an welchen Stellschrauben Ernährungssysteme tatsächlich wirken – und welche davon in der Gemeinschaftsverpflegung realistisch relevant werden können.

Global denken, lokal kochen – aber mit realistischen Annahmen

Die Studie zeichnet ein ambivalentes Bild: Das Ernährungssystem verursacht hohe Umweltbelastungen, produziert aber dennoch genug, um alle Menschen zu ernähren. Gleichzeitig bleiben über 8 % der Weltbevölkerung unterversorgt, während Überernährung in wohlhabenden Ländern zunimmt. Quelle: EAT-Lancet-Studie 2025

Für Küchen heißt das: „Regional“ bleibt ein wichtiges Prinzip, löst aber strukturelle Probleme nicht allein. Entscheidend ist, welche Produkte regional sinnvoll erzeugt werden können – und welche in anderen Regionen ökologisch effizienter wachsen.

Die Rolle der Planetary Health Diet – wissenschaftlich breiter abgesichert

Die 2025er-Version der Planetary Health Diet (PHD) erweitert frühere Erkenntnisse:

  • Sie bleibt ernährungsphysiologisch deckend – mit potenziellen Engpässen bei Vitamin A.
  • Lebensmittelpreise würden unter PHD langfristig um 12–14 % sinken, während sie ohne Ernährungswandel über 20 % steigen würden.

Für die Gemeinschaftsverpflegung heißt das: Eine schrittweise Sortimentsanpassung kann Versorgungssicherheit und Kostenstabilität langfristig stärken.

Übergänge brauchen Struktur, nicht Appelle

Die Studie zeigt deutlich: Aufklärung allein reicht nicht. Wirksame Hebel sind:

  • Steuern auf stark belastende Lebensmittel,
  • Subventionen auf nährstoffreiche, pflanzliche Produkte.

Für Küchenpraxis bedeutet das: Veränderungen funktionieren nur, wenn Verfügbarkeit, Preise und Prozesse mitziehen. Nicht über Appelle.

Food Waste als unterschätzter Hebel

Selbst bei weltweiter PHD-Umstellung würde Food Waste bis 2050 um 20 % steigen, ohne Maßnahmen sogar um 52 %. Quelle: EAT-Lancet-Studie 2025

Für die Praxis einer Großküche ist das ein zentraler Hinweis: Der größte Klimabeitrag entsteht oft nicht durch den Einkauf – sondern durch Portionierung, Lagerung und Prozesslogik.

Circularity-Ansätze (z. B. die Nutzung von Nebenströmen*) können zusätzliche Effekte erzielen und die Umweltbilanz deutlich verbessern.

Verfügbarkeit & Personal – unterschätzte Faktoren

Der globale Bedarf an landwirtschaftlicher Arbeitskraft könnte je nach Szenario bis 2030 um 5–28 % fallen. Quelle: EAT-Lancet-Studie 2025

Das ist keine direkte Personalfrage für Küchen, aber eine Frage der Rohstoffsicherheit: Welche Produkte bleiben langfristig verfügbar? Welche Lieferketten können instabiler werden?

Was Küchenleitungen konkret ableiten können

  • Sortimentsgestaltung: Mehr Hülsenfrüchte, Gemüse, Vollkorn; weniger stark verarbeitete Komponenten.
  • Budget & Kalkulation: Pflanzenbetonte Sortimente können Kosten stabilisieren.
  • Menu Engineering: Flexible Menükomponenten statt starrer Leitbilder.
  • Abfallreduktion: Produktionsmengen, Tellerreste und Lagerführung haben den größten Hebel.
  • Kommunikation: Transparenz statt Moral – Gäste reagieren auf Lösungen, nicht auf Appelle.

Praktikable Lösungen statt dogmatisches Korsett

Die EAT-Lancet-Studie 2025 zeigt: Nachhaltigkeit entsteht in der Gemeinschaftsverpflegung nicht durch radikale Forderungen, sondern durch viele pragmatische Entscheidungen im Alltag. Regionalität bleibt ein Baustein – aber kein Ersatz für systemische Lösungen. Der größte Hebel liegt in effizienten Prozessen, guter Planung und konsequenter Abfallreduktion.

* Nebenströme in der Gemeinschaftsverpflegung

Definition: Nebenströme sind verwertbare Lebensmittelbestandteile, die bei der Vor- und Zubereitung anfallen, aber nicht Teil des Hauptprodukts sind. Sie sind keine Tellerreste, sondern Ressourcen vor dem Konsum.

Typische Nebenströme

  • Gemüseabschnitte: Schalen, Strünke, Lauchgrün → Fonds, Brühen, Reduktionen
  • Fleisch- & Fischparüren: Knochen, Abschnitte, Häute → Jus, Fonds, Aromapasten
  • Hülsenfrucht-/Getreidereste: Aquafaba, Kochwasser → Emulsionen, vegane Bindung
  • Brotnebenströme: Altbrot, Krusten → Croutons, Panaden, Toppings
  • Obstnebenströme: Schalen, Zesten, Trester → Sirups, Essige, Aromatisierungen

Warum das relevant ist

  • Kosteneffizienz: Rohware wird vollständig genutzt.
  • Geschmack: Eigene Fonds/Jus sind aromenstärker.
  • Nachhaltigkeit: Weniger Food Waste, geringere CO₂-Last.
  • Prozesssicherheit: Weniger Zukauf, mehr Unabhängigkeit.

Was Nebenströme nicht sind

  • Tellerreste
  • Verdorbene Lebensmittel
  • Kontaminierte Abfälle aus Hygienezonen

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