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Regionalität von Rohstoffen: Muss, Mythen oder Marketing?

Regionalität von Rohstoffen: Muss, Mythen oder Marketing?

Einordnung im Lichte der EAT-Lancet-Studie (2025) für die Gemeinschaftsverpflegung. Von Tim Oberstebrink

Die am 2. Oktober 2025 veröffentlichte Aktualisierung der EAT-Lancet-Kommission hat die wissenschaftliche Grundlage für nachhaltige Ernährungssysteme deutlich geschärft. Der Bericht zeigt, dass Ernährungssysteme inzwischen einer der zentralen Treiber für die Überschreitung mehrerer planetarer Grenzen sind – insbesondere durch energieintensive Produktion, hohen Ressourcenverbrauch, Landnutzungsdruck und Verarbeitung. Überraschend klar bestätigt die Studie zugleich, dass Transport – inklusive globaler Lieferketten – im Vergleich dazu nur einen an den Gesamtwirkungen hat. Für die Gemeinschaftsverpflegung bedeutet das: Nachhaltigkeit entscheidet sich nicht an der Entfernung, sondern an den Produktionsbedingungen. Regionalität kann sinnvoll sein – aber nur, wenn sie mit energiearmen Anbausystemen und realistischen Lagerprozessen zusammenfällt.

Regionalität als Leitmotiv – aber ohne klare Definition

Regionalität ist in Beschaffungsstrategien der Gemeinschaftsverpflegung zu einem zentralen Schlagwort geworden. Gäste, Auftraggeber und Träger verbinden damit Frische, Vertrauen und Nachhaltigkeit. Doch die Realität ist komplexer. Die EAT-Lancet-Kommission hat mit ihrem Bericht vom 2. Oktober 2025 erneut belegt, dass ökologische Wirkung primär durch Produktion, Ressourceneinsatz und Verarbeitung entsteht – nicht durch den Transportweg allein.

Die Frage lautet daher: Ist Regionalität ein Muss, ein Mythos oder doch vor allem ein Marketingversprechen?

1. Regionalität als MUSS: Wo sie tatsächlich unverzichtbar ist

Regionalität ist in der Gemeinschaftsverpflegung nicht nur ein „Nice-to-have“, sondern in bestimmten Fällen ein handfestes betriebliches Erfordernis. Unabhängig von Klimabilanz und CO₂-Diskussion gibt es Situationen, in denen regionale Herkunft ein klarer funktionaler Vorteil – und damit praktisch ein Muss – ist.

1.1 Frische, sensorische Qualität und Produktsicherheit

Viele Lebensmittel sind in der Großküche nur dann wirklich einsetzbar, wenn sie in einem engen Qualitätsfenster ankommen: frisch, stabil, gut verarbeitbar. Das gilt insbesondere für:

  • Blatt- und Pflücksalate
  • mikrofeine Blattsalate und Salatmischungen
  • frische Kräuter (Basilikum, Schnittlauch, Koriander etc.)
  • empfindliche Beeren (Himbeeren, Erdbeeren, Heidelbeeren)
  • feines Frischgemüse mit hohem Wassergehalt (z. B. Zucchini, junger Spinat, Mangold)

Bei diesen Rohstoffen entscheidet nicht ein abstrakter Nachhaltigkeitsbegriff, sondern ganz konkret:

  • Wie sieht das Produkt an Tag X im Kühlhaus aus?
  • Lässt es sich noch waschen, putzen, schneiden, ohne dass der Ausschuss explodiert?
  • Wie ist der sensorische Eindruck beim Gast?

Je kürzer der Weg zwischen Ernte und Verarbeitung, desto stabiler sind:

  • Vitamingehalt und optische Frische
  • Textur (Biss, Knackigkeit)
  • Bräunung und Welkeerscheinungen
  • mikrobiologische Risiken

Für Küchenleitungen und Produktionsplaner heißt das: Bei sensiblen Frischeprodukten ist Regionalität keine ideologische Option, sondern ein sehr praktischer Hebel, um Ausschuss zu reduzieren, Reklamationen zu vermeiden und gleichbleibende Qualität im täglichen Betrieb zu sichern.

1.2 Versorgungssicherheit, Planbarkeit und Reaktionsgeschwindigkeit

Ein zweiter Bereich, in dem Regionalität zu einem Muss wird, liegt in der Versorgungsstabilität. Gemeinschaftsverpflegung hat kaum Spielräume: Essen muss pünktlich auf dem Tablett, am Band oder an der Ausgabe sein. Ausfälle lassen sich nicht „wegmoderieren“.

Regionale Erzeuger- und Liefernetzwerke bieten hier klare Vorteile:

  • kürzere Vorlaufzeiten: Änderungen in der Personenzahl, Sonderevents oder kurzfristige Anpassungen lassen sich schneller abfangen
  • schnellere Reaktion bei Störungen: Wenn ein Produkt nicht in der geplanten Qualität kommt, ist der Austausch mit einem regionalen Partner meist direkter und lösungsorientierter
  • bessere Abstimmung: Anbauplanung, Erntefenster, Sortimentsgestaltung – all das lässt sich im Dialog mit regionalen Erzeugern zielgerichteter gestalten als über anonyme, globale Lieferketten

Besonders in sensiblen Segmenten wie:

  • Kliniken und Reha-Einrichtungen
  • Senioreneinrichtungen
  • Betriebsgastronomie mit hohen Tagesvolumina
  • Schule und Kita

kann eine stabile, regional abgestützte Lieferstruktur ein entscheidender Risikofaktor sein. Hier ist Regionalität weniger eine Marketingentscheidung, sondern ein Baustein eines funktionierenden Versorgungssystems.

1.3 Regionale Wertschöpfung und politische Zielsetzungen

In vielen Ausschreibungen und Leitbildern der öffentlichen Hand spielt Regionalität mittlerweile eine explizite Rolle. Kommunen, Kreise und Träger verknüpfen Verpflegungskonzepte mit übergeordneten Zielen:

  • Stärkung der regionalen Landwirtschaft
  • Erhalt mittelständischer Strukturen in der Region
  • Aufbau resilienter Ernährungssysteme
  • Verknüpfung von Verpflegung, Bildungsarbeit und regionaler Identität (z. B. „Schulessen aus der Region“)

Für die Praxis bedeutet das:

  • Regionalität taucht als Vergabekriterium auf, etwa in Form von Mindestanteilen regionaler Produkte oder bevorzugter Berücksichtigung regionaler Anbieter.
  • Sie wird Teil des politischen Erwartungsmanagements: Bürger, Eltern, Patienten und Beschäftigte sollen nachvollziehen können, dass über die Verpflegung auch die Region gestützt wird.
  • In Dialogprozessen (z. B. Runder Tisch „Schulverpflegung“, Klinikgremien, Nachhaltigkeitsberichte) wird Regionalität als sichtbares Zeichen für Verantwortung eingefordert.

In diesen Kontexten wird Regionalität faktisch zu einem Muss, weil sie Bestandteil eines politischen oder gesellschaftlichen Auftrags ist – unabhängig davon, ob sie im Einzelfall die beste CO₂-Bilanz liefert. Entscheidend ist dann die Transparenz: Welche Produkte sind regional, nach welchen Kriterien wird das definiert, und wie werden Zielkonflikte (z. B. Preis, Verfügbarkeit, Saisonalität) gelöst?

1.4 Regionalität als funktionaler Pflichtbaustein

Wenn man Regionalität aus der Perspektive der Gemeinschaftsverpflegung betrachtet, gibt es klare Bereiche, in denen sie praktisch unverzichtbar ist:

  • dort, wo Frische und sensorische Qualität nur über kurze Wege realisierbar sind
  • dort, wo Versorgungssicherheit und Reaktionsgeschwindigkeit betriebsentscheidend sind
  • dort, wo öffentliche oder unternehmensinterne Zielsetzungen Regionalität explizit einfordern

In diesen Fällen ist Regionalität kein Nice-to-have und auch kein romantisiertes Label, sondern ein funktionaler Pflichtbaustein einer professionellen Verpflegungsstrategie.

2. Regionalität als MYTHOS: Wo das ökologische Versprechen bricht

Regionalität besitzt eine hohe emotionale Überzeugungskraft. Doch viele Annahmen, die sich in der Alltagspraxis der Gemeinschaftsverpflegung festgesetzt haben, sind wissenschaftlich nicht haltbar. Die EAT-Lancet-Studie von 2025 liefert hierzu klare Orientierung: Entscheidend ist die Produktionsmethode, nicht die Postleitzahl.

Die drei größten Mythen:

2.1 Mythos: „Regional ist automatisch ökologisch besser“

Die EAT-Lancet-Kommission zeigt deutlich: Die überwiegende Umweltwirkung entsteht in der Erzeugung, nicht im Transport.

Die Schlüsselfaktoren sind:

  • Energieaufwand (Heizung, Beleuchtung, Bewässerung)
  • Düngemitteleinsatz
  • Landnutzung und Bodendegradation
  • Wasserverbrauch
  • Verarbeitungsschritte
  • Verluste entlang der Kette

Der Transport ist – mit Ausnahme des Flugzeugs – nicht der dominante Emissionsfaktor.

Das bedeutet: Ein regional angebautes Produkt kann ökologisch schlechter sein als ein importiertes Produkt, wenn die regionale Produktion energieintensiv ist.

Beispiel aus der Praxis:

  • Gewächshaustomate aus Deutschland im Winter (hoher Heiz- und Beleuchtungsbedarf)
  • versus

  • Freilandtomate aus Spanien, per Schiff und LKW transportiert

Der Import ist häufig klimafreundlicher, obwohl er weiter reist.

Dieser Befund gilt ebenfalls für: Erdbeeren, Paprika, Zucchini, Kräuter und teilweise Salate in der Früh- und Spätsaison.

Kernaussage:
Regionalität ist kein synonymer Begriff für Nachhaltigkeit – sie ist ein Kontextfaktor, der vom Produktionssystem abhängt.

2.2 Mythos: „Kurzer Weg = kleiner Klimafußabdruck“

Dieses Narrativ ist intuitiv, aber physikalisch falsch.

Schiff vs. LKW: Die entscheidende Größenordnung

Die transportbezogenen Emissionen unterscheiden sich um eine ganze Größenordnung:

  • Schiff: ca. 3–8 g CO₂ / Tonnenkilometer
  • LKW: ca. 60–120 g CO₂ / Tonnenkilometer

Damit entsteht ein scheinbares Paradoxon: Ein Lebensmittel, das 10.000 Kilometer per Schiff zurücklegt, kann weniger Emissionen verursachen als ein regionales Produkt, das über 300 Kilometer per LKW transportiert wird.

Auch die EAT-Lancet-Studie ordnet den Transport im Gesamtsystem als untergeordneten Hebel ein – gemessen an Produktion, Landnutzung und Energieeinsatz.

Fallbeispiel Apfel – warum Entfernung wenig aussagt

  • Ein Apfel aus Südafrika, verschifft im Kühlcontainer, kann vergleichbare oder sogar geringere Transportemissionen haben
  • als ein „regionaler“ Apfel vom Bodensee, der:
    • über mehrere Monate in CA-Lagerung liegt
    • per LKW distribuiert wird

Der regionale Vorteil existiert hier nicht automatisch.

Kernaussage:
Nicht die Entfernung zählt, sondern die Kombination aus Transportmittel und Lagertechnik.

2.3 Mythos: „Regionale Produkte vermeiden = Nachhaltigkeitsproblem“

In der Kommunikationspraxis wird oft unterstellt, dass ein Verzicht auf Regionalität ein „Schritt zurück“ sei. Das stimmt nur, wenn der ökologische Vorteil tatsächlich existiert – was nicht immer der Fall ist.

Ein Produkt aus einer klimatisch geeigneten Region kann unter bestimmten Bedingungen deutlich nachhaltiger sein als die regionale Alternative.

Beispiele:

  • Früchte, die im Ursprung in perfektem Klima ohne Heizung wachsen
  • Gemüse, das unter natürlichen Tageslichtbedingungen wächst
  • Rohstoffe mit hohem Wasserbedarf, die in Niederschlagsgebieten angebaut werden

Hier wäre ein regionaler Anbau – etwa unter hohem Bewässerungsdruck oder mit geschlossenen Energiegewächshäusern – ökologisch deutlich schlechter.

Kernaussage:
Es ist kein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn eine GV-Einrichtung bewusst Importware nutzt – solange dies fachlich begründet und transparent kommuniziert wird.

2.4 Was diese Mythen für die Praxis bedeuten

  • Die Klimabilanz hängt primär von Produktions- und Lagerprozessen ab – nicht von der Distanz.
  • Das Label „regional“ muss immer vor dem Hintergrund der Produktionsbedingungen bewertet werden.
  • Regionalität ist kein stichhaltiges Nachhaltigkeitsargument, wenn die Ökobilanz der Produktion schlechter ist als bei klimatisch optimaler Importware.
  • Transparenz ist entscheidend: GV-Betriebe können guten Gewissens erklären, warum bestimmte Produkte trotz Entfernung ökologisch sinnvoll sind.

3. Regionalität im MARKETING: Wo das Bild mehr verspricht als die Bilanz trägt

Regionalität besitzt eine enorme kommunikative Strahlkraft. Gäste, Eltern, Patienten und Beschäftigte verbinden damit Werte wie Nähe, Natürlichkeit und Vertrauen. In der Außendarstellung der Gemeinschaftsverpflegung ist Regionalität längst eines der stärksten Verkaufsargumente. Doch genau hier entstehen Missverständnisse: Regionalität kann ein wirksames Marketinginstrument sein – aber nur, wenn die kommunizierten Versprechen durch die tatsächlichen Produktionsbedingungen gedeckt sind.

Viele Betriebe nutzen Regionalität als „Gütesiegel“, ohne die ökologischen und logistischen Zusammenhänge ausreichend zu prüfen. Damit geraten sie in die Gefahr des sogenannten Green-Halo-Effekts: Ein Produkt wird als nachhaltig wahrgenommen, ohne dass es tatsächlich nachhaltiger ist.

3.1 Regionalität als emotionaler Wert – und warum das funktioniert

Menschen treffen Ernährungsentscheidungen nicht rein rational, sondern immer auch emotional. Regionalität bedient gleich mehrere tief verankerte Bedürfnisse:

  • Nähe und Identifikation: Die Region steht für Heimat, Bekanntheit und Vertrautheit.
  • Sicherheit: Kurze Wege wirken glaubwürdiger und weniger riskant.
  • Naturverbundenheit: Es entsteht das intuitive Bild einer kleinstrukturierten Landwirtschaft mit „ehrlichen“ Produktionsweisen.
  • Soziale Verantwortung: Regionale Produkte werden mit faireren Handelsbeziehungen und lokaler Unterstützung verknüpft.

Diese emotionalen Ebenen erklären, warum Regionalität in Speisekarten, Jahresberichten oder auf Displays so gut funktioniert – und warum Gäste darauf positiv reagieren.

Doch: Emotionales Marketing ist nur dann belastbar, wenn die Sachargumente dahinter stimmen. Sonst entsteht eine Erwartungslücke.

3.2 Der Green-Halo-Effekt: Wenn Regionalität Nachhaltigkeit suggeriert

Viele Unternehmen nutzen Regionalität als visuelles oder sprachliches Qualitätssignal:

  • Logos von Hofbetrieben
  • Bilder von Obstwiesen und Feldern
  • Begriffe wie „von hier“, „aus der Heimat“, „um die Ecke“

Dabei entsteht ein unbewusstes Signal: „Das ist nachhaltiger.“

Der Green-Halo-Effekt beschreibt genau diesen Mechanismus:

Ein einziges positives Merkmal (Regionalität) überstrahlt alle anderen Eigenschaften – egal ob sie gut oder schlecht sind.

Für die Praxis können daraus Risiken entstehen:

  • Ein regionales Produkt kann energieintensiv hergestellt sein – der ökologische Vorteil wäre damit nicht gegeben, wird aber trotzdem suggeriert.
  • Gäste könnten „Regionalität“ mit „Bio“, „Tierwohl“ oder „handwerklicher Erzeugung“ verwechseln – obwohl diese Aspekte nicht automatisch zusammenfallen.
  • Es entsteht ein Anspruchsradius, den Küchen und Einkaufsteams nicht dauerhaft bedienen können, besonders wenn Saisonalität und Verfügbarkeiten schwanken.

Regionalität wird damit schnell zur Projektionsfläche, die vieles verspricht, aber nicht alles halten kann.

3.3 Region als Marke: Chancen und Fallstricke

Viele Regionen besitzen starke, etablierte Markenprogramme:

  • „Regionalfenster“
  • Landesinitiativen wie „BW schmeckt“, „Geprüfte Qualität Bayern“, „NRW is(s)t gut“
  • Erzeugergemeinschaften und Herkunftsmarken (z. B. Bodensee-Obst)

Für die GV ist der Nutzen zweigeteilt:

Die Chance:

Regionale Marken vermitteln:

  • Vertrauen
  • strukturierte Lieferketten
  • Rückverfolgbarkeit
  • Identität im Speiseplan
  • klare Kommunikationsanlässe (Kampagnen, Themenwochen, Aktionsgerichte)

Sie bieten eine niederschwellige Orientierung für Gäste.

Das Risiko:

Eine Herkunftsmarke sagt nichts darüber aus, wie:

  • energieeffizient produziert wurde
  • die Böden bewirtschaftet wurden
  • Pestizide eingesetzt wurden
  • Lager- und Kühlinfrastruktur aussieht
  • die tatsächliche Klimabilanz ist

Die Marke schützt also nicht davor, dass die ökologische Bilanz schlechter ist als bei vergleichbaren Importprodukten.

Für Küchenleitungen bedeutet das:

Regionale Marke ≠ Nachhaltigkeitsnachweis
Regionale Marke = Herkunftshinweis mit Kommunikationskraft

Die begriffliche Klarheit ist entscheidend für glaubwürdige Kommunikation.

3.4 Kommunikationsrisiken: Wenn Regionalität falsch eingesetzt wird

GV-Betriebe geraten besonders dann unter Druck, wenn ein regionales Versprechen in der Realität nicht dauerhaft erfüllt werden kann. Typische Fälle:

  • unterbrochene Lieferketten: Saisonende, Wetterereignisse, Ernteausfälle
  • Qualitätsprobleme: Produktqualität genügt nicht dem Küchenstandard
  • Preissteigerungen: Regionale Ware ist plötzlich deutlich teurer
  • saisonale Lücken: Produkte sind schlicht nicht verfügbar (z. B. Tomaten im Winter)

Wenn Regionalität zuvor als „generelles Nachhaltigkeitsprinzip“ kommuniziert wurde, entsteht ein Erklärungsdruck, der vermeidbar ist.

Noch kritischer: Wird behauptet, dass Regionalität grundsätzlich nachhaltiger sei, obwohl die Ökobilanz das Gegenteil zeigt, untergräbt das langfristig die Glaubwürdigkeit des gesamten Verpflegungssystems.

3.5 Wie Regionalität im Marketing richtig eingesetzt wird

Erfolgreiche Kommunikation nutzt Regionalität situativ, transparent und begründet:

Präzise Formulierungen statt pauschaler Versprechen

  • „In der Saison beziehen wir Salate und Kräuter aus der Region, weil sie dann die beste Frische und Qualität liefern.“
  • „Bei Produkten mit hohem Energieeinsatz in der Erzeugung bewerten wir regelmäßig, ob regionale oder überregionale Herkunft ökologisch vorteilhafter ist.“

Konkrete Beispiele statt allgemeiner Aussagen

Aktionen mit regionalen Produzenten, Hofporträts oder Herkunftswochen erzeugen Glaubwürdigkeit, ohne falsche ökologische Generalisierungen zu behaupten.

Funktionale Vorteile hervorheben

  • „Kurze Wege ermöglichen uns, frischer zu kochen.“
  • „Regionale Lieferanten unterstützen unsere Versorgungssicherheit.“

Ökologische Transparenz statt Greenwashing

Wenn ein importiertes Produkt klimafreundlicher ist:

  • offen kommunizieren
  • begründen
  • Gäste mit Fakten überzeugen

Verbraucher reagieren positiv, wenn Transparenz nachvollziehbar ist.

3.6 Regionalität ist ein Kommunikationsverstärker – kein Freifahrtschein

Regionalität erfüllt starke kommunikative Funktionen:

  • sie schafft Nähe
  • sie stärkt Vertrauen
  • sie positioniert die Verpflegungseinrichtung als verantwortungsvoll
  • sie liefert Differenzierung gegenüber Wettbewerbern

Aber: Sie ersetzt nicht die ökologische Analyse und ist kein Beleg für Nachhaltigkeit.

Kernaussage:
Regionalität ist im Marketing wertvoll – aber nur, wenn sie ehrlich, differenziert und belegbar kommuniziert wird.

4. Was die EAT-Lancet-Studie 2025 für die Gemeinschaftsverpflegung bedeutet

Die aktualisierte EAT-Lancet-Kommission (2. Oktober 2025) liefert einen klaren wissenschaftlichen Rahmen für die Bewertung von Lebensmitteln im Kontext ökologischer Nachhaltigkeit. Die Studie betont, dass Ernährungssysteme in ihrer Gesamtheit betrachtet werden müssen – von der landwirtschaftlichen Produktion über Verarbeitung und Verteilung bis zu Konsum und Abfall. Diese Systemperspektive ist entscheidend, um Regionalität richtig einzuordnen.

Zentral ist dabei ein Befund, den die Kommission sehr deutlich macht:

Die Klimawirkung entsteht überwiegend in der Produktion und Aufbereitung – nicht im Transport.

Für die Gemeinschaftsverpflegung bedeutet das: Regionalität ist ein möglicher Nachhaltigkeitsfaktor, aber niemals der wichtigste. Entscheidend sind Energieeffizienz, Ressourceneinsatz und Produktionssysteme.

Nachfolgend die fünf relevanten Handlungsfelder für GV-Einrichtungen.

4.1 Regionalität gezielt einsetzen – dort, wo sie fachlich trägt

Regionalität kann aus ökologischer Perspektive sinnvoll sein, wenn:

  • das Produkt unter natürlichen klimatischen Bedingungen wachsen kann
  • die regionale Produktion energiearm, ressourcenschonend oder bodenschützend erfolgt
  • Lagerung und Kühlung moderat bleiben
  • der Transport auf LKW-Strecken begrenzt ist
  • saisonale Verfügbarkeit hoch ist

Das gilt insbesondere für:

  • Herbst- und Wintersorten im Freiland (z. B. Kohl, Rüben, Äpfel der aktuellen Ernte)
  • robuste Gemüse und Salate aus Regionen mit kurzen Wegen
  • Frischware, die sensibel reagiert und schnell verarbeitet wird

Praxisleitplanke:
Regionalität ja, wenn die Produktion emissionsarm ist und Qualität sowie Versorgungssicherheit erhöhen.

4.2 Ökologische Bewertung nach Produktionsmethode – nicht nach Entfernung

Die österreichische, deutsche oder schweizerische Postleitzahl sagt über die tatsächliche Ökobilanz eines Lebensmittels gar nichts aus. Ein Betrieb kann regional produzieren – und dennoch eine hohe CO₂-Belastung verursachen.

Entscheidend sind:

  • Beleuchtungsbedarf
  • Heizenergie für Gewächshäuser
  • Pump- und Bewässerungstechnik
  • Pflanzenschutz und Düngemitteleinsatz
  • Energieaufwand der Verarbeitung
  • Qualität der Böden
  • Wasserverfügbarkeit

Die EAT-Lancet-Studie stuft diese Parameter als dominant ein – weit vor der Transportdistanz.

Beispielhafte Einordnung:

  • Tomaten aus beheizten Gewächshäusern in Mitteleuropa: schlechte Bilanz
  • Tomaten aus Freilandanbau im Mittelmeerraum: bessere Bilanz, selbst mit Transport
  • regionales Wintergemüse ohne Heizung: sehr gute Bilanz
  • langanhaltende CA-Lagerung: kann die Bilanz massiv verschlechtern

Praxisleitplanke:
Die Frage lautet nicht „regional oder importiert“, sondern: Wie energieintensiv ist der Produktionsprozess?

4.3 Lagerzeiten und Lagertechnik mitrechnen

Ein oft übersehener Faktor: Ein regionales Produkt kann durch lange Lagerung ökologisch schlechter werden als importierte Frischware.

Beispiel Apfel:

  • Ein Apfel aus Südafrika, per Schiff transportiert (sehr effizientes Transportmittel), kann eine bessere oder vergleichbare CO₂-Bilanz haben
  • als ein „regionaler“ Apfel, der über mehrere Monate in CA-Lagerung bei konstanten 0–2 °C, hoher Luftfeuchte und CO₂-Regulierung liegt.

Die EAT-Lancet-Systematik betrachtet Lagerung explizit als relevanten Teil der Wertschöpfungskette.

Für GV-Teams bedeutet das:

  • Lager- und Kühlprozesse sollten bei Produktvergleichen aktiv berücksichtigt werden.
  • Ökologische Vorteile regionaler Ware können ab Februar/März deutlich schrumpfen oder verschwinden.
  • Daten zu Lagerzeiten und Herkunft sollten Teil der Einkaufskommunikation sein.

Praxisleitplanke:
Regionalität verliert ihren ökologischen Vorteil, sobald Lagertechnik und Energieeinsatz dominieren.

4.4 Beschaffungsrichtlinien erweitern und professionalisieren

Regionale Herkunft kann ein sinnvolles Kriterium sein – aber niemals das einzige. Die EAT-Lancet-Studie macht deutlich, dass ökologische Nachhaltigkeit vielschichtig ist.

Für GV-Einrichtungen bedeutet das, dass Ausschreibungen und Spezifikationen um folgende Kriterien ergänzt werden sollten:

  • Energieeffizienz der Produktion
  • Bewässerungssysteme und Wasserverbrauch
  • Pflanzenschutz und Düngung
  • Bodenmanagement
  • Zertifizierungen (z. B. GlobalGAP, Bio, EMAS), sofern relevant
  • Lager- und Transportbedingungen
  • Saisonalität und Erntefenster
  • Nachweis der CO₂-Bilanz oder mindestens der Hauptemissionsquellen

Dies stärkt:

  • Transparenz in der Lieferkette
  • Glaubwürdigkeit gegenüber Gästen
  • ökologische Steuerbarkeit
  • langfristige Planbarkeit

Praxisleitplanke:
Regionalität wird ein Kriterium unter mehreren – eingebettet in ein fachlich vollständiges Nachhaltigkeitsprofil.

4.5 Entwicklung eines realistischen, kommunizierbaren Beschaffungsportfolios

Regionalität ist kein Entweder-oder-Thema. Sinnvoll ist ein portfoliogestützter Ansatz, der Produkte in Kategorien einteilt:

  1. Regional setzen (ökologisch sinnvoll, funktional notwendig)
    z. B. Salate, Kräuter, frisches Feingemüse, saisonale Freilandware
  2. Regional bevorzugen, aber klimatisch prüfen
    z. B. Äpfel, Wurzelgemüse, Kartoffeln
  3. Import gezielt zulassen, wenn ökologisch besser
    z. B. Gewächshausgemüse außerhalb der Saison, Obst aus klimatisch günstigen Anbaugebieten
  4. Hybridstrategien
    z. B. saisonal regional + saisonunabhängig Import
  5. Produkte mit hoher Produktionsenergie grundsätzlich prüfen
    z. B. Beeren im Winter, Tomaten im Winter, bestimmte exotische Gewächshausprodukte

Gerade für GV-Einrichtungen mit hoher Reputation (Schule, Kita, Care-Bereich) ist ein klares, transparentes System entscheidend, um Vorwürfen von Greenwashing vorzubeugen.

Praxisleitplanke:
Kommunizieren Sie Regionalität dort, wo sie sinnvoll ist – und erklären Sie Importware dort, wo sie ökologisch oder produktionstechnisch tatsächlich besser ist.

4.6 EAT-Lancet liefert die Grundlage für eine realistische Regionalitätsstrategie

Die Studie zeigt: Nachhaltigkeit entsteht vor allem durch gute Produktion und effiziente Ressourcennutzung, nicht durch die Verkürzung von Transportwegen.

Für die GV bedeutet das:

  • Regionalität ist wichtig, aber kein Primärkriterium.
  • Transparenz und fachliche Begründung sind entscheidend für Glaubwürdigkeit.
  • Beschaffung muss produkt- und prozessbezogen sein, nicht geografisch motiviert.
  • Import und Regionalität stehen nicht im Widerspruch – sie können sich sinnvoll ergänzen.

Kurz zusammengefasst:
Regionalität ist wertvoll – aber nur, wenn sie fachlich richtig eingesetzt wird.

Summary: Regionalität – Muss, Mythen, Marketing

Regionalität ist kein Selbstzweck. Sie ist in der Gemeinschaftsverpflegung dort ein Muss, wo Frische, Versorgungssicherheit und regionale Wertschöpfung im Vordergrund stehen – etwa bei sensibler Frischware, bei politisch gesetzten Zielen und in kritischen Versorgungssystemen.

Die EAT-Lancet-Studie 2025 zeigt: Die Haupttreiber der Umweltwirkung liegen in Produktion, Energieeinsatz, Landnutzung und Lagerung – nicht im Transport. Ein regionales Produkt ist nur dann ökologisch überlegen, wenn es unter natürlichen Bedingungen und ohne hohen Energieeinsatz erzeugt und gelagert werden kann.

Mythos: „Regional = automatisch nachhaltig“. Beheizte Gewächshäuser, lange CA-Lagerung und weite LKW-Strecken können die Bilanz regionaler Produkte verschlechtern. Importware aus klimatisch geeigneten Regionen kann trotz Distanz klimafreundlicher sein.

Marketing mit Regionalität funktioniert, weil es Nähe, Vertrauen und Identifikation adressiert. Es bleibt aber nur dann glaubwürdig, wenn Versprechen und Produktionsrealität übereinstimmen und ökologische Vorteile nicht pauschal unterstellt werden.

Fazit für die Gemeinschaftsverpflegung: Regionalität gezielt einsetzen, wo sie funktional und ökologisch trägt – und sie in Beschaffungsrichtlinien als eines von mehreren Nachhaltigkeitskriterien verankern. Transparenz statt Greenwashing: erklären, wo Regionalität sinnvoll ist und wo Importware fachlich die bessere Wahl darstellt.

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